Alle Jahre wieder schmückt Dackel Mottes Herrchen den Weihnachtsbaum. In diesem Jahr stand der Baum schräg in einem mit Wasser gefüllten Eimer auf dem Balkon und wartete auf seinen Weihnachtsauftritt. Als ich zwei Tage vor Heiligabend den Baum etwas aufrechter in den Eimer stellen wollte, bemerkte ich, dass er leider einen "Klotz am Bein" hatte. Einen Eisklotz, inniglich verbunden mit dem roten Eimer.
Auf dem Balkon war es sehr glatt, als wir den schrägen Baum nebst Eisklotz und Eimer versuchten ins Warme zu befördern. Motte, stets hilfsbereit, betätigte sich als Bremserin. Sie hängte sich in das erst halb entfernte Netz, das den Baum eigentlich zusammenhalten sollte, um problemlos durch die Balkontür zu passen. Motte zerrte zweimal am Netz, die Äste waren frei und breiteten sich aus, während ich ausrutschte und lachend und auf dem Allerwertesten sitzend völlig hilflos Mottes Liebesbekundungen ausgesetzt war.
Mit einem kräftigen Ruck landete der Baum im Wohnzimmer. Hei - wie die Nadeln flogen! Wollten wir den einen vertrockneten Ast unten am Baum nicht schon längst abgeschnitten haben?
Malerisch wurde nun der schräge Baum gegen das Fenster gelehnt und ich rückte mit dem Staubsauger an, um den Teppichboden zu entnadeln. An diesem Abend erwarteten wir Besuch. Ich hatte den Tisch schön gedeckt, der schiefe Baum daneben im Eimer störte zugegebenermaßen etwas das Bild, aber das war nun mal nicht zu ändern. Ich guckte auf den Tisch, den ich mit vielen kleinen goldenen Sternchen aus Holz bestreut hatte und glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Der Tisch war vom Weihnachtsbaum beim Ruck durch die Tür mit einem kräftigen Nadelregen des vertrockneten Astes bedacht worden. Diese Nadeln tauten langsam auf und hinterließen zusätzlich unzählige kleine Schmutzpünktchen auf dem weißen Tischtuch.
Eigentlich bin ich relativ großzügig, was kleine Pannen angeht, aber hier musste schnell gehandelt werden, damit die Gäste sich nicht durch vertrocknete Nadeln essen und trinken mussten. Also alles wieder runter vom Tisch, kein passendes sauberes Tischtuch gefunden, beim Suchen den Wäscheschrank verwüstet, mit zwei Tischtüchern improvisiert, Goldsternchen zusammen mit den Nadeln in einer Schüssel zum späteren Aussortieren in die Küche befördert, Geschirr und Gläser von Nadeln befreit, statt der Sternchen ganz viele Teelichter aufgestellt und angezündet, mit dem Feuerzeug Finger verbrannt - und schon klingelten die Gäste an der Haustür.
"Wie siehst Du eigentlich aus?" fragte mein Göttergatte kopfschüttelnd. Ja, wie sah ich aus? Tannennadeln in den strubbeligen Haaren, Schmutzflecke auf den alten Klamotten und immer rückwärts gehend, damit man den nassen Hintern vom Sturz auf den Balkon nicht sehen konnte. Zeit zum Stylen meines Äußeren war leider nicht mehr geblieben.
Unsere Gäste musterten mich erstaunt und brachen in lautes Gelächter aus, als sie hinter mir auch noch den schiefen Weihnachtsbaum erblickten. Ich zog mir schnell etwas anderes über, schüttelte die Nadeln aus den Haaren und wir verbrachten einen schönen Abend mit unseren Freunden - bis zu dem Moment, an dem sich mit einem leichten Rauschen der Weihnachtsbaum über unseren Tisch legte. "Der ist aber schnell aufgetaut" staunte mein Göttergatte, während ich ein umgestoßenes Glas unter den Zweigen hervorzog und versuchte, den Rotweinfleck zu übersehen.
Der Baum kam nun wieder in den Eimer, so aufrecht, wie es eben ging, ein paar Pfützen wurden aufgewischt, Motte die Pfoten abgetrocknet, denn sie musste natürlich sofort durch das interessante Nass latschen und es mit Bart und Pfoten verteilen.
Am nächsten Morgen, dem 23. Dezember stieg ich auf den Dachboden, um nach Tannenbaumständer, Lichterketten und Weihnachtsbaumschmuck zu fahnden. Bei uns ist das komplette Dach saniert worden und über dem gesamten Dachboden ist - trotz oberflächlicher Reinigung durch die Dachdecker - ein unglaublicher Schmutz auf und in allem dort Gelagerten. Der Karton mit dem Weihnachtsbaumschmuck war leider nicht ganz geschlossen, so dass ich die nächsten Stunden damit beschäftigt war, Kugeln zu entsorgen, Dachpfannengeröll und anderen Dreck wegzuwerfen und die Kugeln abzuwaschen, was durchaus nicht jeder Kugel gut bekam.
Mein Göttergatte, ein absoluter Weihnachtsmuffel, begutachtete derweil die Birnchen der Weihnachtsbaumbeleuchtung und verlangte nach der obligatorischen Packung Mon Chéri, ohne die ihm das Schmücken des Baumes unmöglich scheint.
Jedes Jahr gibt es Ärger wegen der Kette - die Verbindungen sind zu kurz, um elegant von Ast zu Ast zu gelangen. Eine neue Packung mit Kerzen hatte ich gekauft, auf der verheißungsvoll eine Verbindungslänge von Kerze zu Kerze von 15cm angepriesen wurde. Da ich aus Erfahrung weiß, dass beim Anbringen der Kerzen eine Schimpfkanonade auf die andere folgt und Krisenstimmung herrscht, schnappte ich mir Motte und ergriff die Flucht. Wir trafen uns mit den beiden Langhaardackeln und Paul, dem Rauhaarfreund und ich hörte von Pauls Frauchen, dass auch dort die Atmosphäre etwas gespannt sei, weil statt der silbernen Weihnachtsbaumspitze lediglich die blaue gefunden wurde, die nun laut Gatten überhaupt nicht passte. Das Langhaarfrauchen meinte nach unseren Berichten, dass sie es nun doch nicht so übel fände, momentan alleine zu leben.
Als ich nach zwei Stunden wieder nach Hause kam, traute ich meinen Augen kaum. Fünf Birnchen waren angebracht, der Gatte schäumte vor Wut, die Verbindung zu den einzelnen Kerzen wären noch kürzer und überhaupt würde er den Baum samt Kette am liebsten über den Balkon werfen, sein Rücken täte ihm erheblich weh und außerdem würde er sich durch die ganze Aktion lediglich mir zu Liebe quälen. Natürlich besserte sich seine Stimmung nicht, als ich ihm erklärte, dass ich nicht der Hersteller der Ketten sei und diesbezügliche lautstarke Beschwerden besser an den Fabrikanten gerichtet werden müssten. Schließlich fand der Göttergatte, wie jedes Jahr, doch noch einen Weg, die Ketten zu installieren. Motte bekam noch einen Rüffel, weil sie sich mit ihrem Kauknochen auf die am Boden liegende Kette legte und genüsslich darauf herum malmte, während Herrchen auf der Leiter vergeblich versuchte, die Kette weiter zum Baum zu ziehen.
Plötzlich, wie übrigens in jedem Jahr, ging es dann doch verhältnismäßig schnell und der Baum stand geschmückt vor mir. Abgekämpft und entnervt entschwand mein Mann unter die Dusche, während ich Kisten und Kästen zusammensuchte, wieder auf den Dachboden brachte und den Staubsauger alles auffressen ließ, was übrig geblieben war.
Am Heiligabend saßen wir bei Kartoffelsalat und Würstchen vor unserem Baum, in mehr (ich) oder weniger (Göttergatte) Weihnachtsstimmung. Motte war fröhlich wie immer und wartete auf einen Würstchenzipfel.
Beim Vergleichen unserer Kindheitserinnerungen wurde mir mal wieder klar, warum ich Weihnachten schön finde und mein Göttergatte nicht so recht etwas mit diesem Fest anfangen kann. Bei mir zu Hause war es immer schön, gemütlich, harmonisch und das Haus war oft mit fröhlichen Gästen gefüllt.
Bei ihm gab es nur Stress, eine völlig überforderte Mutter, einen Opa, den einzig und allein der bunte Teller interessierte, missratenes Weihnachtsessen und Streit.
Ich finde es erschreckend, wie sehr einen Menschen solche negative Erlebnisse durch das ganze Leben verfolgen und beeinflussen.
So quälte ich den Göttergatten an diesem Abend nicht länger mit Weihnachten, überließ ihn seinem Hobby, schnappte mir meine Motte und zog mit ihr durch die Straßen. Ich liebe es, besonders zu Weihnachten durch unsere "besseren" Straßen zu gehen und Weihnachtsbäume durch die Fenster anzuschauen. Auch da scheinen die Geschmäcker sehr unterschiedlich zu sein: vom besenartigen Etwas bis zum prachtvoll dekorierten Designerbaum in Trendfarbe (in diesem Jahr orange) war alles vorhanden. Mein Favorit war ein riesiger Baum in einem Altbau, bei dem sich die Bewohner mit der Größe offensichtlich doch verschätzt hatten. Dieser Weihnachtsbaum wurde nicht etwa "passend gesägt", sondern "passend gebogen". Etwa ein Viertel des oberen Teils war unter der Zimmerdecke rechtwinklig abgebogen aber mit einer Lichterkette geschmückt worden.
Schön ist es, im Vorübergehen einen Blick auf gemütlich am Esstisch zusammensitzende Menschen zu werfen, es sieht so harmonisch und friedlich aus und eventuelle Disharmonien bekommt man zum Glück nicht mit.
Meine Begleiterin konnte es natürlich auch am Heiligabend nicht lassen, drei Katzen wüst zu beschimpfen und zwei ältere Damen mit Stoffbeuteln, die mit "Ach, wie süß!" erwartungsfroh auf sie zusteuerten, bellend in Schach zu halten.
Aber richtig peinlich wurde es, als wir an einem großen Villengrundstück vorbeigingen. Ich sah einen Mann mittleren Alters aus dem Haus kommen, eine Mülltüte in der Hand. Er schaute sich ständig in Richtung Haus um, zog ein Handy aus der Hosentasche und fing mit verklärtem Gesicht an zu telefonieren - dem flötenden Ton und dem ängstlich in Richtung Haus geworfenen Blick nach - mit seiner Freundin. Beim zweiten gesäuselten "Ach, mein Eichhörnchen" !!! hielt es Motte nicht mehr. Das Wort Eichhörnchen ist ihr durchaus geläufig und weckt ihren Jagdinstinkt auch ohne Einsatz der Nase. Mit "Jiff-Jiff" zischte sie an mir und dem Mann vorbei in den Villengarten, emsig auf der Suche nach dem Eichhörnchen.
Ich zog an der Leine - vergeblich. Die jiffende Motte und die Leine hatten sich in einem Busch verfangen. Der Mann stand mit offenem Mund da, als ich an ihm vorbei in den Garten heizte und unter den Busch kroch, um die Leine nebst Dackel zu befreien. Aus dem Haus rief eine weibliche Stimme: "Jürgen, alles in Ordnung?" Jürgen schaute uns wütend an und steckte sein Handy in die Hosentasche. Motte und ich ergriffen die Flucht, ich rief noch schnell "Entschuldigung und frohe Weihnachten!". Jürgen rief in Richtung Haus: "Ja, Schatz, ich komme!"
Nach diesem Erlebnis schlugen wir doch lieber den Heimweg ein.
In meinem Bekanntenkreis häufen sich die Fälle der absoluten Weihnachtsmuffel. Ich, als bekennender Weihnachtsjunkie, gerate langsam zum Fossil. Von: "Was, Du backst tatsächlich noch selbst Kekse?" über: "Wenn Du schon mal dabei bist, ich könnte auch ein paar Plätzchen gebrauchen" bis: "Weihnachten? nee, nicht bei uns, hier ist absolut weihnachtsfreie Zone", ist fast alles vertreten. Zum Glück habe ich aber noch ein paar Gleichgesinnte, mit denen es sogar zu dem von den Weihnachtsmuffeln mitleidig belächelten Adventskaffeetrinken kommt.
Am ersten Feiertag hatte ich Gäste zum Weihnachtstee eingeladen. Nun war ich voll in meinem Element. Der Tisch wurde schön gedeckt und dekoriert, viele Kerzen warteten auf ihren Einsatz.
Bereits am Vormittag klingelte es an der Tür und zwei der Weihnachtsmuffel erschienen mit einem Päckchen für uns in der Hand, um "nur mal eben den Weihnachtsbaum anzugucken und fröhliche Weihnachten zu wünschen".
Nach einer Stunde verabschiedeten sie sich wieder mit den Worten: "Vielleicht sollten wir nächstes Jahr doch mal wieder einen Baum kaufen - ein ganz kleiner würde ja schon genügen".
Das Telefon klingelte und ein weiterer Weihnachtsmuffel fragte, ob man heute Nachmittag mal reinschauen könne. Klar, sagte ich und stellte noch zwei weitere Gedecke auf den Tisch.
Es wurde ein richtig gemütlicher Nachmittag, Gäste und Zufallsgäste (sie kannten sich allerdings gut) und Göttergatte unterhielten sich bestens, naschten bei Musik und Kerzenschein Kekse und Stollen und ihre Augen sah ich im Widerschein der Kerzen glänzen.
Vielleicht doch ganz gut, dass sich die "weihnachtsfreie Zone" bei uns noch nicht durchgesetzt hat.
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