Ein paar Häuser weiter von uns wohnt eine alte Dame, die uns jeden Morgen vom Balkon zuwinkt. Motte und ich wissen dann, dass mit ihr alles in Ordnung ist und wir laufen weiter in den Morgen. Manchmal ist mit ihr nicht alles in Ordnung, dann kümmern wir uns um sie - und obwohl Motte ja bekannterweise eine Abneigung gegen alte Damen hat, mögen die beiden sich ausgesprochen gerne.
Am Montag wurde die alte Dame 85 Jahre alt. Ich rief sie gleich morgens, noch vor der Morgenrunde an, um ihr zu gratulieren und ihr zu sagen, dass ich zwar nicht gleich, aber später noch einmal vorbeikommen würde, um ein paar Geburtstagsblümchen loszuwerden. Sie freute sich und so gegen 15 Uhr sollte ich doch kommen, mit ihr eine Tasse Kaffee trinken und unbedingt Motte mitbringen.
Motte? Na, das würde wieder etwas werden. Meine Einwände wurden in den Wind geschlagen und so machte ich mich mit dem Monster gegen 15 Uhr erst einmal auf den Weg zum Blumenladen. Dort ist Motte merkwürdigerweise gerne gesehen, obwohl die auf dem Fußboden stehenden Blumen trotz größter Vorsicht meinerseits, jedes Mal von Mottes kräftig wedelndem Schwanz fürchterlich ins Wanken geraten. Man kann sehen, dass die Blumen ganz frisch sind, weil weder Blüten noch Blätter abfallen.
Da ich ja weiß, wen ich an der Leine habe, suchte ich ein paar robuste Blumen aus, die zu einem hübschen Strauß gebunden wurden. Motte saß brav hinter mir - zu brav. Ich drehte mich um und nahm ihr einen angekauten Zierkürbis aus dem Maul, der vorher zur Deko zwischen den Blumen lag. Die nette Blumendame reichte ihr zur Belohnung ein Leckerli über den Tresen und zu meinem großen Erstaunen wollten sie und eine andere Kundin Motte sofort bei sich aufnehmen. Ich widerstand der Versuchung und sagte, dass sie mir diesen Hund ohnehin spätestens nach zwei Tagen wieder vor die Haustür setzen würden und ich ihn deshalb doch besser nicht abgebe.
So zog ich mit Motte, einer Tasche und dem Blumenstrauß wieder los und das Unheil nahm seinen Lauf. Wir liefen durch einen kleinen Gang zwischen Reihenhäusern und Motte entdeckte eine Katze. Mit einem Ruck flog der Blumenstrauß durch die Luft, landete vor meinen Füßen, ich trat drauf, der Dackel zog wütend an der Leine und kreischte hinter der Katze her. Der Strauß war hin, die Zeit drängte - also wieder zurück in den Blumenladen. Motte bekam zur Belohnung ein Leckerli von der netten Blumenfrau und sie begutachtete den Schaden. Wir beschlossen, dass ich einen anderen Strauß mitzunehmen und die Reste des ersten Straußes am nächsten Tag als nettes Gesteck für mich abholen sollte. Toll.
Mit dem neuen Strauß flitzen wir relativ problemlos zu der alten Dame, die sich sehr über unser Erscheinen freute. Motte durfte auf Wunsch der alten Dame von der Leine und sollte sich in der Wohnung umschauen. Nach zwei Minuten erschien der Dackel mit einer leeren Plastikwasserflasche "Ach, wie süß, lass sie ihr doch, dann hat sie etwas zu tun". Sind schon für mich die Geräusche störend, die eine Plastikflasche macht, wenn sie kräftig mit den Zähnen attackiert wird, so musste es der alten Dame über das Hörgerät wie Pistolenschüsse erscheinen. Ich sah es an ihrem Zusammenzucken und dem leicht verzerrten Gesicht. Also nahm ich Motte die Flasche wieder weg. Motte ging auf den Balkon, eine Zeit lang war alles ruhig, dann entdeckte sie das Kaninchen der Nachbarn im Garten und aus war es mit der Ruhe. Also Hund wieder reingeholt, Balkontür zu und weiter Kaffee getrunken und Mohnkuchen gegessen. Motte guckte sich derweil in der Wohnung um und kam mit einem Lappen zurück, den sie sich um die Ohren schleuderte.
Nachdem ich den entfernt hatte, schmuste sie noch ausgiebig mit der alten Dame und wir verabschiedeten uns. Die Plastikflasche bekam sie geschenkt und trug sie stolz nach Hause.
Das Gesteck von den restlichen Blumen steht inzwischen auf meinem Tisch sieht übrigens sehr nett aus.
Comments 7